Darum haben mich diese zwei Interviews auch angesprochen. Zuerst einmal zitiere ich die grundlegende Idee der Bescheidenheit von Claude Lévi-Strauss:
Weltwoche: Welche Vorstellung vom Menschen geht von Ihrem Werk aus?
Claude Lévi-Strauss: Wahrscheinlich die Idee einer grossen Bescheidenheit. Zunächst: dass es den Menschen auf Erden nicht immer gegeben hat. Dass er nicht immer existieren wird. Dies muss er in seinem Bewusstsein präsent haben – im Vergleich zu den Millionen von Jahren, die dem Universum gegeben sind, ist er sehr vergänglich. Weiter, dass die Gattung Mensch eine Art optischer Täuschung ist. Sie kommt daher, dass wir so gemacht sind, dass wir unsere eigene Realität durch ein Vergrösserungsglas sehen. Wenn man einen Wassertropfen durch das Mikroskop betrachtet und das Objektiv verstellt, wird man in diesem Wassertropfen je nachdem kleine Tierchen sehen, die sich gegenseitig fressen und miteinander Liebe machen. Oder wenn man die Vergrösserung verstärkt, sieht man nur noch die Moleküle, aus denen sie bestehen, oder, bei noch stärkerer Vergrösserung, letztlich nur noch die Atome, welche die Moleküle bilden. Und das, was man heute das von diesen Tierchen Erlebte nennen mag, existiert nicht mehr. Alles, was uns wichtig, wesentlich erscheint, wofür wir kämpfen, woran wir glauben, hat nur auf einer gewissen Ebene der Betrachtung Sinn. Es ergäbe keinen Sinn mehr, wenn wir uns nur als Zusammensetzung von Molekülen und Atomen beobachten könnten. Und wenn wir uns im Massstab der unendlichen Räume, von denen Pascal sprach, sehen könnten, gäbe es ebenfalls keinen Sinn mehr.
Herr Gladwell, haben wir eine falsche Vorstellung von Erfolg?
Ja, absolut. Wir haben dem Einzelnen in Erfolgsgeschichten eine viel zu grosse Rolle beigemessen, die unverdient ist. Und wir haben all die andern Leute, Faktoren und Institutionen vergessen, die zum Erfolg beigetragen haben. Das hat uns in die Irre geführt.
Was also macht Leute ungewöhnlich erfolgreich?
Ich will die Rolle des Einzelnen nicht vernachlässigen. Es braucht harte Arbeit, Hartnäckigkeit und ein gewisses Talent, um Erfolg zu haben. Aber all das kann sich nur durchsetzen, wenn es dazu eine Gelegenheit gibt, und diese Gelegenheit kommt von der Aussenwelt. Mit Aussenwelt meine ich die eigene Familie, die Kultur, die einen geprägt hat, die Generation, der man angehört, oder eine unverhoffte Chance, die man bekommt. Es gibt bei jeder Erfolgsgeschichte äussere Umstände oder Voraussetzungen, die diesen Erfolg erst möglich machten. Ich wollte wissen, welches diese Umstände sind.
Können Sie uns die wichtigsten nennen?
Es gibt kein Modell, das man aufzeichnen kann. Deswegen stehen in meinem Buch so viele verschiedene Geschichten. 1955 war etwa das perfekte Geburtsjahr, wenn man Computerprogrammierer werden wollte, aber kein günstiges für andere Berufe. Streng hierarchisches Verhalten kann zu tödlichem Misserfolg im Cockpit führen. Es war der Grund für koreanische Flugzeugunglücke, kann aber für einen Autohersteller wunderbar sein. Das Wichtige ist, diese verschiedenen Erfordernisse für Erfolg zu kennen und zu respektieren.
Überschätzen wir Talent?
Ich bin nicht mehr so sicher, was Talent genau bezeichnet, aber ich bin sicher, dass wir ihm viel zu viel Bedeutung geben. Wenn man die Geschichte der Beatles studiert, entdeckt man, wie hart sie arbeiteten. War ihr angeborenes Talent für Musik so gross, oder war ihre Liebe zur Musik so gross, dass sie so viel Zeit dafür hergaben? Wenn man begriffen hat, wie viel Zeit und Arbeit Meisterschaft erfordert, muss sich die Definition von Talent verändern.
Glauben Sie nicht, dass andere Bands ebenso hart an ihrer Musik arbeiteten wie die Beatles und trotzdem nie bekannt wurden?
Doch, aber vielleicht fehlten die glücklichen Zufälle. Die Heimatstadt der Beatles war Liverpool, eine Hafenstadt mit internationalem Flair. Ende der fünfziger Jahre war die Musikszene dort von Gruppen und Musikstilen aus der ganzen Welt beeinflusst. Was die Beatles mit ihrem Fleiss lernten, war also völlig verschieden von dem, was andere Bands in einer kulturell isolierteren Umgebung erarbeiten konnten. Von Liverpool aus gingen sie nach Hamburg, eine weitere Hafenstadt mit internationalen Einflüssen. Es ist ein grosser Unterschied, ob man in Liverpool und Hamburg oder in einem schottischen Bauerndorf hart an seiner Musik arbeitet. Und wenn man solche Faktoren zur Erklärung von Erfolg miteinbezieht, bekommt man ein anderes Bild von Talent.
Würde man ohne Talent für eine Sache überhaupt anfangen, daran hart zu arbeiten?
War Tiger Woods Talent für Golf angeboren, oder mag er Golf so viel mehr als andere, dass er härter trainiert? Es ist eine trickreiche Frage. Was genau ist Bill Gates’ Talent? Natürlich ist er ein sehr kluger Mensch, aber klug sind im Computerbusiness viele. Was ihn herausragend werden liess, scheinen mehrere glückliche Umstände gewesen zu sein. Er wurde an eine der damals seltenen Privatschulen geschickt, die mit Computern ausgerüstet waren. Als Teenager verbrachte er den grossen Teil seiner Nächte an einem PC der University of Washington, zu dem er Zugang hatte und der zwischen drei und sechs Uhr morgens nicht benutzt wurde.
Ist es falsch zu glauben, harte Arbeit führe zum Erfolg?
Harte Arbeit ist nicht genug. ...------------------------------------------------------------
Ich glaube, trotz allem Erfolg muss man bescheiden bleiben und das Umfeld kennen und würdigen, welches einem zu dem gemacht hat, wer man ist. Diesem gehört das grosse Lob und nicht einem persönlich. Aber das Fundament des Erfolgs ist in aller Regel sehr sehr harte Arbeit, anders geht es nicht. Ob die harte Arbeit dann auch mit (monetären) Erfolg gekrönt wird, hängt von kaum beeinflussbaren Faktoren ab. Man kann sich natürlich auch Fragen, was ist Erfolg? Ein möglichst grosses Portemonnaie, oder persönliche Zufriedenheit, oder zufriedene Kunden, oder eventuell was ganz Anderes?
3 Kommentare:
ich trau dir wirklich zu, dass du von der wertschätzung her nicht auf den job schielst, finde das sehr schätzenswert, auch wenn es eigentlich normal sein müsste...
nur ist es halt schon ein gravierender unterschied ob man als putzfrau oder als banker arbeitet, vorallem für die putzfrau...ist ein langweiliger und anstrengender job.
und ob man 10 mal weniger verdient auch... wertschätzung hin oder her...
nix zu verdienen, scheiss job zu machen, dafür haben mich alle lieb, bringt dann doch nicht soviel...
und wenn ich das jetzt irgendwie richtig verstanden haben, so "verhebt" das Argument, gehts der Wirtschaft gut, geht s allen gut doch nicht so, die Gewinne der letzen Jahren wurden anscheinend in den US-Konsum (was bedeutet zu grosses Autos/Häuser/Klimaanlagen usw.) in Form maroder Kredite gepumt, statt an die Arbeiterlein zuverteilen, oder wenigstens zu reinvestieren...
wie immer in freudiger Erwartung ihrer Antwort... yours saile
Ps:das interview mit diesem malcom fand ich auch sehr gut...
ich fand das interview auch super.. und das buch das malcolm geschrieben hat ist sehr lesenswert...
ein entscheidender punkt ist, ob man die arbeit, die man verrichtet als sinnvoll erachtet, ist dem so, kniet man sich automatisch rein und ist am abend müde und zufrieden. ob hausfrau oder bänker.
ein chinesisches sprichwort lautet: "stehst du 360 tage im jahr vor Sonnenaufgang auf, wirst du deine Familie reich machen." und sich selber auch, weil man leistet...
@ saileklein:
Es hat sehr sehr lange gedauert bis ich mal geantwortet habe :-)!
Ich bin eher auf etwas Anderes hinausgegangen. Nämlich, dass jeder, egal wie viel er jetzt verdient, nicht das Gefühl haben muss, dass er etwas Besseres ist als jemand, der weniger verdient. Denn der Lohncheck ist nur Ausdruck von Angebot und Nachfrage, bzw. von den Margen in den verschiedenen Branchen. Mechaniker verdienen einfach schlecht, dafür ist ihre Arbeit bzw. Arbeitsleistung nicht minderwertig im Gegensatz zu der z.B. eines Bankers. Aber zum Einen gibt es viele Mechaniker und zum Anderen sind die Margen in der Autowerkstatt sehr tief, diese zwei Faktoren führen automatisch zu tiefen Löhnen. Der einzelne Mensch kann in diesem Sinne nichts dafür, dass dies so ist. Dann muss er sich halt entweder neu ausbilden, Job wechseln oder hoffen, dass die Margen wieder grösser werden, aber das passiert in der Regel selten.
Aber ihr Linken seit mir schon ein lustiges Völkchen. Bei euch geht es schlussendlich immer nur ums Geld, ihr wollt alle Probleme mit dem Geld der Anderen lösen, anstatt die Menschen an ihre Eigeninititive zu erinnern. Ja nur das nicht, das Wichtigste ist einfach nur, dass alle gleich viel verdienen und am Besten regelt noch der Staat alles. Was bei solchen krassen Umverteilungen rum kommt sieht man ja in Deutschland. Die Top-Arbeitskräfte wandern ab, wenige sind bereit zu arbeiten, um den Grossteil des Lohns abzugeben. Alle extremen Sozialstaaten in Europa werden an ihrer ungeheueren Schulden- und Verpflichtungslast kollabieren, wenn sich nichts ändert. Es kann einfach nicht sein, dass einer, der nicht arbeitet besser da steht, als einer der einem einfachen Job nachgeht. Der Mittelstand wird bis aufs letzte Hemd geschröpft und dann wundern die sich noch, dass die Leute die Steuern hinterziehen? In Deutschland nimmt die ganze Umverteilung schon Formen von systematischen Diebstahl an, schaut mal nach, was es alles für Steuern in Deutschland gibt, das ist unglaublich.
Noch eine kleine Korrektur:
Es sind nicht die Gewinne, welche vorwiegend in den US-Konsum geflossen sind, sondern die viel zu tief verzinsten Gelder der FED. Und der FED ist der Staat, natürlich haben die Banken schlussendlich die Verantwortung das Geld so auszugeben, dass es wieder zurückbezahlt wird. Aber es graut einem schon zu wissen, dass die USA die grösste und dichteste Bankenregulierung haben, und so ein Schlammassel möglich war.
Und dass Geld verteilen nicht funktioniert, zeigen mehrere Beispiele in der Geschichte.
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