Samstag, Oktober 25, 2008

Tagebuch eines Operierten

Diesen Text widme ich all den Leuten, die noch nie als Patient im Spital einquartiert waren.


Montag, 13.10.2008:

Heute bin ich das erste Mal wissentlich als Patient stationär ins Spital eingerückt. Ambulant und als Besucher war ich schon des öfteren, v.a. weil ich einen Cousin namens Tino habe, der als Kind einmal pro Jahr im Spital war. Zuerst habe ich mal die Telefonkarte aufgeladen und den "Stecker" fürs Fernsehen abgeholt. Dann musste ich in den zweiten Stock, konnte mir ein Bett in einem 4er-Zimmer aussuchen, zwei waren noch frei. Dann kamen auch schon alle Ärzte usw. und es gab einen Check-In. Da wurden alle möglichen Tests gemacht (mit dem Hammer auf das Knie klopfen, dann bewegt sich das Bein, das ist echt lustig), Blut entnommen, 6 Kapseln, nach der 5 Kapsel wurde mir ganz schwindlig und ich musste ins Bett, das war weniger lustig. Am Abend habe ich noch ein Buch gelesen und ging dann recht früh ins Bett, ich war recht nervös, schliesslich wurde ich noch nie operiert.


Dienstag, 14.10.2008:

Heute war der grosse Operationstag. Um 07:45 war Tagwache, für mich gab es natürlich nichts zu essen. Seit Mitternacht hatte ich nichts mehr Essen dürfen, trinken durfte ich jedoch noch bis 2 Stunden vor der Operation, also bis um 08:00. Dann ging ich duschen und um 09:00 kam der Pfleger und sagte, er habe den Befehl bekommen, mir die "Pillen" zu geben. Das war eine Beruhigungs- und eine Schlaftablette. Ich musste dieses typische Operationsoutfit anlegen inkl. diese super Trombosestrümpfe, dann sofort ins Bett und schlief recht schnell ein. Irgendwann wurde ich geweckt, ich war schon irgendwo unten und bekam gerade die Spritze für die Teilnarkose, habe ich kaum gespührt. Dann war ich wieder weg und wachte erst wieder auf, als sie mich in den Operationssaal schoben. Ich war richtig gut drauf, das musste von diesen Pillen sein, fragte die Schwester noch, ob sie ein paar Photos für mich machen könne während der Operation :-). Sie gab mir den Spital-IPod und fragte, was ich hören möchte, ich antwortete Marilyn Manson. Das hatten sie leider nicht, ich habe dann ein bisschen 883 und Bryan Adams gehört und schlief dann wieder ein. So gegen 12:15 bin ich dann aufgewacht, die Operation begann erst um 11:00. Dann um 12:30 nahm mir jemand die Kopfhörer weg und sagte, es sei alles gut verlaufen, es war der operierende Arzt Dr. Bürgi.
Dann wurde ich in den Aufwachsaal geschoben. Das rechte Bein war schon recht früh wieder zurück, ständig wurde der Blutdruck gemessen und ich wurde dann gegen 14:00 in mein Zimmer zurückgefahren. Alles wachte dann weiter auf, nur der Unterleib liess ein bisschen auf sich warten. Das ist nicht so angenehm. Danach habe ich den Laptop herausgeholt und den Leistungsnachweis von Financial Modelling angefangen. So produktiv war ich jedoch nicht. Gegen Abend gab es dann vom Pflegepersonal den Auftrag, endlich Wasser zu lassen, sonst müsse man den Katheter ansetzen, das muss ziemlich unangenehm sein, dies war meinem Zimmernachbarn am Vorabend passiert. Jetzt war ich definitiv im Existenzialismus angekommen. Schlug man sich letzte Woche noch mit hochkomplizierten Formeln rum, war jetzt die Aufgabe Wasser in einen Topf zu lassen. Das tut einem gut, wieder mal zurück zu den Wurzeln. Zum Glück funktionierte bei mir alles ohne Probleme. Danach war wieder schlafen angesagt.


Mittwoch, 15.10.2008:

Um 07:45 war wieder Tagwache. Ich war jedoch schon die ganze Nacht immer wieder wach. Mein Rücken tat so weh, denn mein Bett war zu klein und mein Bein war noch hochgelagert. Durch diese Schmerzen war auch mein Blutdruck zu hoch. Am Vormittag kam dann auch das erste Mal schon die Physiotherapeutin vorbei. Aufstehen stand auf dem Programm, jedoch habe ich es nicht geschafft länger aufzustehen. Mir wurde ständig schwindlig und ich musste mich wieder hinlegen, dafür hat sie für mich ein grösseres Bett beantragt, dieses XXL-Bett kam dann irgendwann am Nachmittag. Am Mittag gab es dann das erste Mal wieder etwas Warmes zu essen. Die Hälfte des Tages hatte ich in der sogenannten Kinetec verbracht, um meine Kniebeugung zu trainieren. 50 Grad Kniebeugung hatte ich geschafft, bei 90 Grad konnte ich nach hause, dies hatte mir Dr. Bürgi versprochen. Am Nachmittag ging ich dann noch das erste Mal alleine aufs WC, das Gefühl kann man sich kaum vorstellen, ein Gefühl der Freiheit, der Mobilität, der Unabhängigkeit. Was sonst eigentlich selbstverständlich ist, war plötzlich fast das Schönste auf der Welt. Am Abend hatte ich dann noch netten Besuch.


Donnerstag, 16.10.2008:

Auf der Kintec schaffte ich heute schon 65 Grad. Der Verband an meinem Bein wurde auch gelöst, der Assistenzarzt war sehr zufrieden mit der Narbe. Jetzt gab es nur drei Pflaster, für jede Wunde eins. Auch heute war die Suppe super lecker, die haben die Köche vom Kreuzspital wirklich im Griff. Naja, sonst war es ein langweiliger Tag, wie es so ist im Spital und wenn man mehr oder weniger ans Bett gebunden ist.


Freitag, 17.10.2008:

Wieder sehr boring, langsam kennt hat man das Spital und das Bett gesehen. Zum Glück hatte ich meinen Laptop dabei und etliche gute Chat-Partner, danke nochmals an diese. Heute durfte ich das erste Mal duschen, und als Krönung habe ich mich noch rasiert. Am Abend habe ich mir dann für 7 CHF, soviel kostet das Fernsehen pro Tag, die Arena auf SF1 reingezogen. Es war wieder mal die Finanzkrise und die Linken haben wieder ihre übliche nervige Leier runtergelassen. Ich rege mich immer wieder so auf, die Linken sind ja die grössten Experten, wenn es darum geht das Wirtschaftsgeschehen zu analysieren. Das ist komisch, wenn man nur von Parteilöhnen lebt und selber nie in der Wirtschaft tätig war, geschweige denn ein Unternehmen geführt hat. Aber dann das Maul zerreissen über die Wirtschaftsleute, das dann schon.


Samstag, 18.10.2008:

Am Morgen hatte ich Besuch vom Chef- und dem Assistenzarzt. Auf der Kintec war ich gestern schon bei 80 Grad angelangt. Also bekam ich die Freigabe für heute, denn diese 10 Grad sollte ich noch locker schaffen. Ich war so froh. Endlich befreit. Ich wurde dann abgeholt und konnte sogar schon selber mit dem Mercedes nach Hause fahren. Alles in allem war es eine gute Erfahrung, sich mal mit primitiven Sachen und Situationen auseinander zu setzen, wieder mal runterzukommen auf den Boden der Realität. Für das Bewusstsein ist das gut.

PS: Die Krücken habe ich anscheinend offiziell gekauft. Ich verstehe nicht, wieso diese Stöcke nicht einfach nur vermietet werden? Wäre das nicht billiger für unsere Krankenversicherungen?

1 Kommentare:

- El Cloedel - hat gesagt…

Hehe, gueti Zämmafassig..., und guet das alles klappet hät!

No e lustigi Parallele zur Wirtschaft - du bisch uf dä Bode vu dä Realität dur die Operation zruggkolt worde, d'Bänkler händ ihres Grounding dur die Immobilienblase und die druffolgend Finanzkrise erlebt... :-)

Und s'Vokabular vur SP isch halt scho verständlich, wemer die populistisch aber halt au wohr Formle wo die ganz Krise uufd Gsellschaft hät abebricht, nämlich dass wenigi sich es goldigs Nässli verdient händ und das jetzt, im nochhinein, das alli quersubventioniera mönd... :-/